Weltweit erster „Passiv-Büroturm“ erhält Zertifikat

Energieeffizienz ist zunehmend auch bei Hochhäusern ein Thema. In Wien hat nun erstmals ein Büroturm den Passivhaus-Standard erreicht. Im 20. Stockwerk, mit bestem Blick über die Altstadt, überreichte Susanne Theumer vom Passivhaus Institut Darmstadt am Dienstag das Zertifikat. Fast 80 Meter ragt die Glasfassade am Ufer des Donaukanals in die Höhe. Dahinter ist Platz für 900 Mitarbeiter der österreichischen Raiffeisen-Holding-Gruppe – bei optimaler Raumluft und minimalem Energieverbrauch.

„Das neue Hochhaus ist ein weiterer Beleg dafür, dass Passivhaus-Standard und gute Architektur wunderbar zusammenpassen“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Feist, Leiter des Passivhaus Instituts. Über die Details der Haustechnik informierten sich am Dienstag Passivhaus-Experten aus aller Welt, die im Rahmen einer internationalen Passivhaus-Akademie nach Wien gereist waren. Das Haus orientiere sich streng nach den Intentionen der Raiffeisen-Klimaschutz-Initiative, sagte Mag. Wolfgang Pundy, der das Zertifikat entgegennahm. „Die Zertifizierung beweist, dass der Weg, den wir bei der Planung und der Umsetzung unseres neuen Bürohochhauses eingeschlagen haben, der Richtige war“, so der Projektleiter des „RHW.2“-Towers.

Das Energiekonzept des Gebäudes ist überzeugend. Photovoltaik kommt ebenso zum Einsatz wie Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung. Selbst die Abwärme aus dem Rechenzentrum wird genutzt, die Kühlung des Gebäudes erfolgt teilweise über den Donaukanal. Für das Erzielen des Passivhaus-Standards entscheidend war aber die radikale Steigerung der Energieeffizienz bei der Klimafassade, bei allen Bauteilanschlüssen und bei sämtlichen haustechnischen Einrichtungen – bis hin zum Kaffeeautomaten. In Kombination mit einer optimierten Verschattung wurden der Heizwärme- und der Kühlenergiebedarf um 80 Prozent gegenüber herkömmlichen Hochhäusern reduziert. Die Zertifizierung des Gebäudes nach den Kriterien des Passivhaus Instituts dient der Qualitätssicherung. Mit dem weltweit anerkannten Siegel wird bescheinigt, dass der klar definierte Passivhaus-Standard tatsächlich auch eingehalten wird. In Österreich ist das Passivhaus Institut seit 2010 mit einer Niederlassung in Innsbruck vertreten.

Nach der Übergabe des Zertifikats im „RHW.2“ führte eine Exkursion die internationalen Experten zu weiteren herausragenden Projekten. Im nördlich von Wien gelegenen Korneuburg besuchten sie das neue Landes- und Bezirksgericht mit angeschlossener Justizanstalt. Der ebenfalls im Passivhaus-Standard errichtete Gebäudekomplex zeigt, wie eine geschickte Planung es ermöglicht, höchste Ansprüche an Energieeffizienz und Komfort auch mit besonderen Arten der Raumnutzung in Einklang zu bringen.

Nicht nur mit „Leuchtturmprojekten“, auch mit der Zahl der gebauten Objekte setzt die Region Wien Maßstäbe. Besonders deutlich wird dies im „Eurogate“, einem kompletten Quartier im Passivhaus-Standard. Mit Fertigstellung des ersten Bauabschnitts werden die Vorteile der energieeffizienten Bauweise bereits in 800 Wohnungen genutzt, bald werden hier etwa 7.000 Menschen in Passivhäusern wohnen. Die internationalen Gäste besichtigten zudem eines von fünf Studentenwohnheimen der Wiener OeAD-GmbH in Passivhaus-Standard. Insgesamt haben bereits knapp 15.000 Studenten aus aller Welt während eines Aufenthalts in Österreich in solchen Unterkünften selbst erleben können, was zeitgemäßes, nachhaltiges Wohnen bedeutet.

Die Exkursion war Teil einer mehrtägigen Akademie der International Passive House Association (iPHA) in der Slowakei. Der Besuch in Wien erfolgte auf Einladung des österreichischen Passivhaus-Experten Günter Lang vom Büro LANG consulting. Die iPHA ist ein globales Netzwerk von Passivhaus-Akteuren – ob Bauherren, Architekten, Wissenschaftler oder Produkthersteller. Die Mitgliedschaft ist für alle offen.