Fünf Euro Miete geht – natürlich im Passivhaus

Fünf Euro Miete geht – natürlich im Passivhaus

Der Baukongress neuLand 2016 feierte am 25. Februar auf der Energiesparmesse Wels seine Premiere. Namhafte Experten und eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion gingen der Frage nach, wie Nachhaltigkeit beim Bauen und Sanieren leistbar realisiert werden kann. Dabei wurde entgegen allen Unkenrufen deutlich, dass der Passivhaus-Standard nicht nur nachhaltig, sondern auch bei Mietwohnungen mit weniger als 5 Euro Miete - Warmmiete versteht sich - realisierbar ist.

Max Schön, Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome, betonte in seinem Einleitungsreferat, dass der weltweite Ressourcenverbrauch und die Umweltbelastung bereits weit über den verkraftbaren Grenzen des Planeten liegen. Wir müssen also mit größter Anstrengung einen nachhaltigen Lebensstil einschlagen, wie es Papst Franziskus in seiner Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ fordert. So wie dies auch beim International Islamic Climate Change Symposium in Istanbul verlangt und in Paris bei der COP21 von 195 Staaten beschlossen wurde. Und es sei ganz erheblich billiger in diese Energie- und Lebensstilwende zu investieren, als die Schadenskosten durch den verursachten Klimawandel tragen zu müssen.

Ausgehend von heute 6.000 Watt konsumierter Leistung pro Person erläuterte Holger Wallbaum, einstiger Leiter der Professur für nachhaltiges Bauen an der ETH Zürich, die Architektur der 2.000 Watt Gesellschaft anhand des Beschlusses der Stadt Zürich von 2008. Von diesen 2.000 Watt entfallen auf den Bereich Wohnen (Baumaterialien, Raumklima, Warmwasser, Haushalt und Mobilität) ganze 840 Watt pro Person. Für den Teilbereich Raumklima, Warmwasser und Haushaltsstrom verbleiben nur noch 460 Watt, was einem maximalen Primärenergiebedarf von 4.030 kWh pro Person und Jahr entspricht. Dem Segment Raumklima, also heizen, kühlen und lüften, wird in der 2.000 Watt Gesellschaft nur noch 134 Watt zugestanden, was 1.170 kWh pro Person und Jahr gleichkommt. Hier wird deutlich, dass das Zusammenwirken von höchster Energieeffizienz und dem Umstieg auf Erneuerbare Energieträger der Schlüssel zum Erfolg ist, sollen die Ziele flächendeckend für eine ganze Stadt erreicht werden.

Leistbares Wohnen ist im Passivhaus selbstverständlich
Um energieeffizient, wirtschaftlich und hochwertig planen und bauen zu können, braucht es neben anderen Parametern auch profundes Know-How, legte Hannes Gschwentner, Geschäftsführer der NHT Neuen Heimat Tirol, dem größten gemeinnützigen Tiroler Wohnbauträger, dar. Seit 1998 beschäftigt sich die NHT mit dem energieeffizienten Bauen hin zum Passivhaus und hat aus diesem Lernprozess 2012 den Grundsatzbeschluss gefasst, konsequent nur noch in Passivhaus-Standard zu bauen. 2015 waren bereits 2.500 Wohnungen in diesem Standard errichtet und jedes Jahr kommen 800 dazu. Mittlerweile liegen die Mehrinvestitionen für die Baukonstruktion nur noch bei drei Prozent. Nun wird erstmals eine Wohnhausanlage in Passivhaus-Standard in Schwaz errichtet, deren Miete bei nur 4,98 Euro pro Quadratmeter und Monat liegen wird, inklusive Heiz- und Betriebskosten versteht sich! Die meisten Passivhaus-Wohnungen der NHT erfüllen heute bereits im Segment Wohnen die Kriterien der 2.000 Watt Gesellschaft. Die NHT setzt dies auch in ganzen Stadtquartieren und im Rahmen des EU-Projektes SINFONIA mit den Partnern IIG Innsbrucker Immobilien Gesellschaft und der UNI Innsbruck auch bei der Sanierung von 60.000 Quadratmetern Altbauten auf Passivhaus- und EnerPHit-Standard konsequent um.

Bild: Podiumsdiskussion „Wie kann Nachhaltigkeit beim Bauen und Sanieren leistbar realisiert werden?“, v.l.n.r.: Hannes Gschwentner/GF Neuen Heimat Tirol, Ulrike Rabmer-Koller/Vize-Präs. WKO, Max Schön/ Präsident Deutsche Gesellschaft Club of Rome, Jana Revedin/ Prof. Architektur und Gestaltung, Blekinge Institute of Technology/Schweden und Ecole Speciale d´Architecture/Paris, Herbert Leindecker/Prof. an FH OÖ, Martin Leitl/Bauhütte Leitl-Werke, Margit Bacher/Moderatorin; Credits: Passivhaus Austria
Bild: Podiumsdiskussion „Wie kann Nachhaltigkeit beim Bauen und Sanieren leistbar realisiert werden?“, v.l.n.r.: Hannes Gschwentner/GF Neuen Heimat Tirol, Ulrike Rabmer-Koller/Vize-Präs. WKO, Max Schön/ Präsident Deutsche Gesellschaft Club of Rome, Jana Revedin/ Prof. Architektur und Gestaltung, Blekinge Institute of Technology/Schweden und Ecole Speciale d´Architecture/Paris, Herbert Leindecker/Prof. an FH OÖ, Martin Leitl/Bauhütte Leitl-Werke, Margit Bacher/Moderatorin; Credits: Passivhaus Austria

Hier musste Martin Leitl, Initiator des Sonnenhauses, in der Podiumsdiskussion sein Nachsehen eingestehen: „Ein Sonnenhaus ist nicht für jede Käuferschicht geeignet“, gab er erstmals offen zu, kostet es doch um rund 20 Prozent mehr als ein herkömmliches Haus. Auch die umsichtigen Kriterien der 2.000 Watt Gesellschaft lassen sich damit nur schwer umsetzen. Im sozialen Wohnbau wird in Oberösterreich mit dem Ausstattungskatalog nachhaltiges Bauen und hohe Energieeffizienz von der Politik gezielt ausgeschlossen und nur noch schlechter Baustandard unter dem Deckmantel „leistbares Wohnen“ auch noch gefördert.

Mit der Wohnanlage Vögelebichl in Innsbruck konnte die NHT hingegen das weltweit erste Passivhaus Plus im Geschosswohnbau errichten. Gschwentner fühlte sich wegen der gravierenden Unterschiede zwischen Oberösterreich und Tirol wie in eine Parallelwelt versetzt: „Bei uns wünschen sich die Bewohner möglichst energieunabhängig zu sein. Gleichzeitig wollen sie einen Beitrag für die Umwelt leisten. Genau diese Erwartungen sind als Grundgedanken auch in die Planung der innovativen Liegenschaft Vögelebichl eingeflossen: weg vom Verbrauch endlicher Energien“. Und Gschwentner abschließend: „Sollte es eines Tages keine Passivhaus-Förderung mehr geben, wird die NHT trotzdem weiterhin konsequent in diesem Standard bauen, weil für uns die Bauschadensfreiheit, keine Schimmelgefahr und hoher Wohnkomfort ebenso wichtige Kriterien bei der Wahl des Standards sind“.

„Trotz leistbaren Wohnen muss weiter auf Qualität gesetzt werden“, forderte auch Ulrike Rabmer-Koller, Vize-Präsidentin der WKO, die Politik auf vermehrt Impulse für Energieeffizienz, wie der thermischen Sanierung, zu setzen.

In die gleiche Kerbe schlug Dieter Herz, Geschäftsführer von Herz & Lang, als er die Herausforderung für die Zukunft, Wohlstand und Lebensqualität für möglichst viele Menschen zu schaffen und nachhaltig zu gewährleisten, näher betrachtete. Auf Basis der beteiligten Passivhaus-Projekte, mit immerhin 500 Mio. Euro Bausumme seit 2005 und mit einer Reihe von unterschiedlichsten Bauherren, die ihre Passivhaus-Projekte stetig weiterentwickelt haben, konnte Herz zeigen, was es bedeutet, zukunftsfähig zu bauen. Dazu zählen u.a. das weltweit erste Kunstmuseum in Passivhaus-Standard in Ravensburg oder nun das spektakuläre Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg. Mit der Explorer Hotels Entwicklungs GmbH setzt Herz & Lang bereits das siebente Hotel In Passivhaus und Passivhaus-Plus-Standard um. Und eine andere Art von „Hotel“ ist das Justizzentrum Korneuburg mit Gefängnis und Gerichtsgebäude, beide ebenfalls in Passivhaus-Standard mit der BIG Bundesimmobilien Verwaltung umgesetzt. Aber auch beim Wohn- und Pflegeheim am Inn in Innsbruck mit der NHT konnten die Passivhaus-Kriterien selbstverständlich voll zum Wohle der Bewohner und dem Klimaschutz erfüllt werden.

Für Günter Lang, Leiter der Passivhaus Austria, stellte der Baukongress neuLand einen Wendepunkt in der bisherigen Diskussion um leistbares Wohnen dar. Er machte eindrucksvoll deutlich, dass leistbares Wohnen, kostengünstiges Bauen und höchste Energieeffizienz mit dem Passivhaus-Standard bestens harmonieren. Nun liegt es an der Politik mutig und zukunftsweisend die richtigen Weichen zu stellen.

Mittwoch, 2 März, 2016