„Natürlich öffnen wir Fenster, wann wir wollen!“

„Natürlich öffnen wir Fenster, wann wir wollen!“

Wolfgang Erichson wohnt seit drei Jahren in der Bahnstadt Heidelberg, und er ist mit seinem neuen Wohnort sehr zufrieden. „Selbst an kalten Wintertagen war es immer angenehm warm“, erzählt Erichson. Als Bewohner der Bahnstadt und gleichzeitig Bürgermeister von Heidelberg nahm er aus doppeltem Grund an der Informations-veranstaltung in der Feuerwache teil. Dort präsentierte die Stadt zusammen mit dem Passivhaus Institut ihr Energie-Monitoring. Die beiden wichtigsten Ergebnisse: Der Verbrauch an Heizwärme ist in der Bahnstadt äußerst niedrig.

Damit ist die Bahnstadt ein sehr gutes Beispiel für die erfolgreiche Umsetzung des Passivhaus-Standards bei einem Großprojekt. Für das Energie-Monitoring der Bahnstadt untersuchte das Passivhaus Institut im Auftrag der Stadt den Energieverbrauch von 1.400 Wohnungen, darunter 563 Studentenwohnungen. Für die knapp 90.000 m² Nutzfläche lagen die monatlichen Verbrauchswerte aus den beiden Jahren 2014 und 2015 vor.

Statistisch aussagekräftig
Es handelt sich damit um eine statistisch aussagekräftige Erhebung. Søren Peper vom Passivhaus Institut leitete das Monitoring: „Was den Gesamtverbrauch an Energie angeht, da liegen wir bei einem Drittel des sonst üblichen Fernwärmeverbrauchs in Mehrfamilienhäusern. Das bedeutet zwei Drittel weniger Energiekosten in der Bahnstadt“.

Geringer Verbrauch trotz Lüftung
Die monatlichen Daten beinhalten die Verbrauchswerte für Heizwärme und Warmwasser, die Verteil- und Speicherverluste sowie sonstige Verbräuche, darunter die Rampen-heizung der Tiefgarageneinfahrt. Das Monitoring zeigt auch: Die Häuser in der Bahnstadt verbrauchen nur ein Achtel der Heizwärme, die ein bestehendes Gebäude benötigt und sie erfüllen den Passivhaus-Standard. Der Verbrauch von Heizwärme von im Mittel 14,9 kWh/(m²a) im Jahr 2014 und 16,4 kWh/(m²a) im Jahr 2015 ist ein sehr gutes Ergebnis. „Das entspricht unseren Erwartungen und ist großartig“, erklärt Peper. Den geringen Unterschied zwischen den Energieverbrauchswerten der beiden Jahre führt er auf den kälteren Winter sowie die geringere globale Sonneneinstrahlung in den Monaten Januar bis März 2015 zurück.

„Das entspricht unseren Erwartungen“
Für ein vollständiges Bild der Energieverbrauchswerte ist neben dem Wärmeverbrauch auch der Stromverbrauch interessant. Im Vergleich zum durchschnittlichen Verbrauch in Deutschland zeigen die Haushalte in der Bahnstadt einen erfreulich geringen Verbrauch. Und das trotz der in allen Häusern enthaltenen Wohnungslüftung sowie mit Berücksichtigung des Allgemeinstromverbrauchs. Der Mittelwert der Haushaltszähler liegt bei nur 17,9 kWh/(m²a), der Allgemeinstrom bei 8,6 kWh/(m²a). Dieses gute Ergebnis führen das Passivhaus Institut sowie die Stadt Heidelberg überwiegend auf die Stromsparberatung der Stadt sowie die modernen Ausstattungen der Wohnungen zurück.

Passivhaus-Siedlung funktioniert mit unterschiedlichen Planern
„Das Monitoring zeigt, dass das Passivhaus-Planungswerkzeug PHPP sehr gut geeignet ist, das tatsächliche spätere Verhalten der Gebäude als Durchschnittswert zu berechnen. Zudem funktioniert der Bau einer Passivhaus-Siedlung auch bei Beteiligung ganz unterschiedlicher Planerteams und Nutzer“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Feist. Der Leiter des Passivhaus Instituts in Darmstadt betont, dass das Passivhaus schon heute die Anforderungen der Europäischen Union für das Nearly Zero Energy Building erfüllt, die ab 2021 verbindlich gelten sollen.

Heidelberg beschritt Neuland
Ausgezahlt haben sich damit auch die Bemühungen der Stadt Heidelberg, einen ganzen Stadtteil energetisch hochwertig zu gestalten. Mit der Bahnstadt beschritt die Stadt 2007 einen in Deutschland bis dahin einmaligen Weg bei der Städteplanung: Sie gab vor, dass alle Gebäude auf dem 116 Hektar großen Areal in direkter Nähe zum Heidelberger Hauptbahnhof im äußerst energieeffizienten Passivhaus-Standard errichtet werden müssen. Sowohl die Wohngebäude als auch Nichtwohngebäude.

„Häuser lassen sich gut verkaufen und vermieten“
Zu den Nichtwohngebäuden gehören neben vier Kindertagesstätten und einer Schule, die im Sommer 2017 eröffnet wird, ebenfalls Restaurants und Bars sowie ein Kino und ein Baumarkt. Auch die Feuerwache, in der die Informationsveranstaltung von Stadt und Passivhaus Institut stattfand, ist im Passivhaus-Standard errichtet. Im Bau befindet sich ein größeres Einkaufszentrum, ein Fitness-club ist in der Planungsphase. Derzeit bewohnen rund 3.500 Bewohner die Bahnstadt Heidelberg. Nach Abschluss aller Bauprojekte sollen es rund 6.000 Bewohner sein. Die Stadt plant schon jetzt den dritten und letzten Bau-abschnitt. „Wir liegen deutlich vor unserem Zeitplan, weil sich die Häuser gut verkaufen und gut vermieten lassen. Das übertrifft unsere Er-wartungen“, erläutert Bürger-meister Wolfgang Erichson.

Lob für gute Raumluft
Eine Befragung der Bewohner ergab, dass diese mit ihrem neuen Quartier in Innenstadtnähe sowie dem energieeffizienten Gebäudestandard größtenteils sehr zufrieden sind. Zusammen mit weiteren Bewohnern stand auch Markus Duscha während der Informationsveranstaltung Rede und Antwort. Er stellt klar: „Natürlich öffnen wir die Fenster in unseren Passivhäusern, wann immer wir wollen. Bei schönem Wetter sitzen wir auf der Terrasse.“ Gleichzeitig betont er die gute Qualität der Raumluft.

Sommerkomfort bei allen Häusern immer wichtiger
“Und was den Wohnkomfort im Sommer angeht“, erläutert Ralf Bermich als Leiter der Abteilung Klimaschutz und Energie beim Heidelberger Umweltamt, „das ist eine Herausforderung, auf die wir in Zukunft alle vermehrt eingehen müssen, nicht nur in Passivhäusern.“ Die Stadt weise bei ihrer Beratung für die folgenden Wohnprojekte in der Bahnstadt bereits auf veränderte Sommerbedingungen hin.

 

Titelfoto: Bahnstadt Heidelberg; Fotcredits: Mathieu Frelet

Montag, 22 Mai, 2017